Von Oberstdorf nach Bozen

Über die Verantwortbarkeit und den Sinn einer Alpenüberquerung mit einer Schulklasse

 

Im Herbst 2005 bittet Herr Mannfred Annen, Klassenlehrer der 8. Klasse der Freien Waldorfschule Evinghausen bei Bramsche die Osnabrücker DAV-Sektion um Unterstützung bei einer Wanderung von Oberstdorf nach Meran, eine Wiederholung einer vor zwei Jahren durchgeführten Klassenfahrt. Wen wundert es, dass bei den Fachübungsleitern des DAV-Osnabrück Kopfschütteln und Ablehnung die erste Reaktion ist, denn eine Alpenüberquerung mit 37 Schülerinnen und Schülern, zehn Eltern und dem Klassenlehrer ist auf den ersten Blick undenkbar und unverantwortlich. Doch sollte der DAV dem Klassenlehrer keine Unterstützung bieten und ihn allein mit der alpin unerfahrenen Riesengruppe lassen? Die Wiederholung der Klassenfahrt war in der Schule bereits beschlossene Sache, daher wird dem Klassenlehrer eine Beratung angeboten.
Es trifft sich gut, dass die Tourengruppe des DAV-Osnabrück im Ausbildungsprogramm des Frühjahrs 2006 Themen vorsieht, die zur Vorbereitung der begleitenden Erwachsenen dienen können: Orientierung, Wetterkunde, Ausrüstung sind Schwerpunkte, die in Theorie und Praxis aufgearbeitet werden. Zusätzlich finden Treffen zur Beratung von Schülern und Eltern in Evinghausen statt. Herr Annen sorgt dafür, dass feste Richtlinien zur Ausrüstung, zu Schuhen und Bekleidung, zur Größe und zum Gewicht des Gepäcks eingehalten werden. Dennoch, die große Anzahl der Teilnehmer macht Kopfzerbrechen: In Absprache mit dem Klassenlehrer wird die Klasse in vier Gruppen aufgeteilt und ihnen jeweils zwei Erwachsene zugeordnet. Diese vorgegebene Struktur ist vom Beginn der Bergtour bis zum Ende grundsätzlich eingehalten worden. Sie gewährleistet Zuständigkeit, Verantwortlichkeit und Übersichtlichkeit.
Nach reiflicher Überlegung stimme ich einer Teilnahme an der Bergtour zu.

Am Montag, dem. 11.09.2006, trifft sich eine muntere Schar Kinder und ihre Betreuer erwartungsvoll im Hauptbahnhof Osnabrück. In Vertretung des erkrankten Klassenlehrers übernimmt sein Kollege Herr Lenz die organisatorische Leitung. Zusätzlich fährt Aron Heuermann aus der 11. Klasse mit. Beide waren vor zwei Jahren mit dabei, sie bringen ihre Kenntnisse und Erfahrungen später hilfreich ein.
Mit über zwei Stunden Verspätung durch Bahn und Bus starten wir mit dem Aufstieg von Spielmannsau zur Kemptener Hütte. In Richtung Mädelegabel ist der Himmel trüb und dunkel. Kühl und feucht ist es bei unserem ersten Aufstieg. Natürlich stellen sich Konditionsunterschiede bei den Schülern heraus, und der Abstand zwischen den Gruppen vergrößert sich. Einem Schüler fällt es besonders schwer, das notwendige Tempo einzuhalten. Als dann noch Gewitterregen einsetzt, lasse ich die vier Gruppen zur Hütte vorgehen und steige allein mit ihm im zunehmenden Regen und Hagel auf, wir kommen mit über einer halben Stunde Verspätung ziemlich durchnässt in der Kemptener Hütte an. Wenn der Junge durchhält, werden wir uns auf längere Gehzeiten einstellen müssen.
 

Dienstag, 12.09.2006
Von der Kemptener Hütte zur Memminger Hütte

Es hat sich weiter abgekühlt. Reste des gestrigen Hagelschauers zeigen, wie schnell das Gebirgswetter für den Bergwanderer folgenreich sein kann, auch ein unerwartetes Erlebnis für die Kinder. Nach der Mädelegabelscharte kommt die Sonne zum Vorschein und macht den Abstieg nach Holzgau angenehm.. Dort angekommen, müssen wir auf den Taxibus nach Madau warten. Wir nutzen die Pause, um erste Blasen an den Füßen zu behandeln, eine Maßnahme, die sich an jedem folgenden Morgen wiederholen wird. Vorsichtshalber hatte ich mir eine neue Rolle breites Sport-Tape eingesteckt, von ihr ist nur ein kleiner Rest übrig geblieben, was soll's, wunde Füße waren auf dieser Tour kein Thema!
Der Aufstieg zur Memminger Hütte, zu erst steil in Serpentinen, dann durch eine breite Rinne und über flache Almwiesen, zieht sich wieder in die Länge: Durch die notwendig gewordene Einzelbetreuung des Langsamsten haben wir nun fünf statt vier Gruppen. Die Alternative dazu wäre der Abbruch und die Rückreise dieses Schülers gewesen. Die neue Einteilung bleibt bis zum Ende der Tour notwendig. Trotz dieser Veränderung und der damit notwendigen Rücksichtnahme macht die Klasse einen guten Eindruck, zeigt überdurchschnittliches Sozialverhalten gerade unserem schwächeren Teilnehmer gegenüber.
 

Mittwoch, 13.09.2006
Von der Memminger Hütte nach Zams

Der Aufstieg zur Seescharte ist unproblematisch. Die mit einem Vorsprung von ca. ½ Stunde gestartete Minigruppe wird zügig durch die konditionsstärkste Gruppe eingeholt. Nach der Durchquerung der engen Scharte ist für alle die Überraschung groß. Überwältigend ist das vor uns liegende Panorama des Alpenhauptkamms und des unter uns liegenden Patroltals, eingerahmt durch Parseierspitze, Gatschkopf und gegenüber durch den wilden Gipfelgrat der uns vom Württenberger Haus trennt. Spannend ist der Abstieg. Mit lustigem Gesang aus Mädchenmündern geht es zügig auf zum Teil recht anspruchsvollen Pfaden abwärts zur bald sichtbar werdenden Oberlochalpe, an der sich alle Gruppen treffen werden. Dann vergrößert sich der Abstand zwischen den einzelnen Gruppen wieder, denn der Weg wird recht lang und die begleitenden Eltern machen sich Sorgen bei der Bewältigung ungesicherter Passagen am Zammer Loch. Nur gut, dass die Gruppengrößen überschaubar sind. Die Übernachtung ist in der Zammer Skihütte geplant, sie ist erreichbar über die Seilbahn zum Venetberg. Die letzte Bahn zu erreichen, macht der letzten Gruppe große Probleme, da hilft es auch nicht, dass ich Janes den Rucksack abnehme. Eher hilft die gute Kommunikation mit Aron über das Walky-Talky-Handy-Set, über das wir eine Verlängerung der Abfahrzeit erreichen konnten. So erreichen wir, wenn auch äußerst knapp, die letzte Gondel! In der Zammer Skihütte erwartet uns Manfred Annen, der, von seinem Infekt genesen, mit der Bahn nachgereist ist. Abends wird neu geplant, der Übergang über den Venetberg wird gestrichen, statt dessen werden wir mit der Bahn wieder hinunter nach Zams und weiter mit dem Bus direkt nach Mittelberg fahren.
 

Donnerstg, 14.09.2006
Von Mittelberg zur Braunschweiger Hütte

Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte gestaltet sich als abwechslungsreich. Von oben grüßen schon bald die ersten Gletscher. Gletscherschliff, Moränen, Gletscherspalten, Gletscherbruch, werden hautnah gespürt. Allein die Konfrontation mit der Gletscherwelt ist für die Schüler ein Erlebnis für sich. Auch das Wetter zeigt Besonderheiten. Es hat sich eine Föhnlage entwickelt, die hier am Alpenhauptkamm durch feuchtkalte Sturmböen, nachts zu größeren Niederschlägen führt. Zum Glück fällt kein Schnee.
 

Freitag, 15.09.2006
Von der Braunschweiger Hütte zur Martin Busch Hütte

Der Aufstiegspfad zum Grat des Pitztaler Jöchels wird fast durch die lindwurmartige Ausdehnung der hintereinander aufsteigenden Gruppen gefüllt. Dauerregen hat sich eingestellt, je höher wir steigen, desto stärker fasst uns der böige Wind, drückt uns gegen den Berg. Oben am Grat steigern sich die Böen derart, dass eine Überquerung für die Gruppe unverantwortbar wird. Einige Rucksackhüllen werden, vom Sturm erfasst, weit in das Pitztal hineingeblasen. Für uns bleibt nur der Rückzug zur Hütte. Nach kurzer Besprechung steigen wir auf dem Normalweg nach Mittelberg ab und fahren mit dem Bus über Imst und Sölden nach Vent. Am späten Nachmittag steigen wir dann auf dem einfachen Hüttenzuweg auf und erreichen, wenn auch spät, unser heutiges Etappenziel, die Martin Busch Hütte.
 

Samstag, 16.09.2006
Von der Martin Busch Hütte über die Similaun Hütte zum Vernagtstausee und weiter nach Bozen

Von der Martin Busch Hütte führen zwei Wege zur Similaun Hütte, einer, mit Steinmännchen markiert, direkt zum Niederjochferner und weiter zum Niederjoch. Dieser Weg wird seit Urzeiten von den Bauern Südtirols im Frühjahr genutzt, um eine riesige Schafherde in die Weidegebiete des oberen Ötztales zu treiben. Im Herbst geht es dann auf dem gleichen Weg zurück. Der andere Weg führt, gut markiert, auf der Seitenmoräne am Gletscher vorbei. Mit der stärksten Gruppe gehen wir, den Steinmännchen folgend, direkt zum Gletscher, machen uns unmittelbar ein Bild von der Gefährlichkeit eines Aufstieges ohne entsprechender Ausrüstung. Wir erleben gefahrlos die bizarren Ausbildungen der Randkluft und ihre tückischen, nicht tragfähigen Eisbrücken. Im Blockwerk am Rande des Gletschers steigen wir auf, treffen auf die anderen Gruppen, überqueren einzeln, gesichert eine Blankeisstelle und erreichen die Similaun Hütte. Nach kurzer Pause geht es hinab auf gefahrlosem Weg zum Vernagtstausee. Von dort bringen uns Bus und Bahn nach Bozen.

Hier besichtigen wir am Sonntag im Museum den Ötzi und können uns mit Respekt anhand der erhaltenen Ausrüstungsgegenstände und Bekleidung ein Bild von der Intelligenz unserer steinzeitlichen Vorfahren machen.
Der Montag ist ausgefüllt durch die Bahnfahrt nach Osnabrück.

Die Gretchenfrage zu dieser ausgefüllten Tour stellt sich nach der Verantwortbarkeit, dazu folgendes:

  • Trotz oder gerade durch die Größe der Klasse ist ein überdurchschnittlich positives Sozialverhalten in der Klasse feststellbar.

  • Die Klasse verhält sich sehr diszipliniert und rücksichtsvoll.

  • Die Schüler haben aufgrund der pädagogischen Zielsetzung der Freien Waldorfschule einen Zugang zur Natur, wie er heute nicht mehr selbstverständlich ist.

  • Mit wenigen Ausnahmen hatten sich die Schüler auf Anweisung des Klassenlehrers körperlich fit gemacht.

  • Die vorgegebenen Strukturen (Gruppeneinteilung, geschlossene Gruppenformationen, Zeit und Ortsabsprachen) sorgten für Übersichtlichkeit und Zuständigkeit.

  • Interventionsmöglichkeiten wurden in verschiedenen Situationen rechtzeitig genutzt.

  • Während der Bergwanderung haben die Schüler die auftretenden Schwierigkeiten bewältigt. Es gibt anzumerken, dass es keinerlei Verletzungen gab und am Ende der Wanderung am Vernagtstausee kein Schüler das Schlusslicht bildete.

  • Die Erwachsenen können sich physisch und psychisch noch intensiver auf eine derartige Bergtour vorbereiten, Der DAV-Osnabrück bietet durch sein vielfältiges Angebot hervorragende Möglichkeiten dazu.

  • Traut unseren Kindern mehr zu, sie sind stärker und vernünftiger als wir es ihnen so manches Mal zugestehen!

Wer sich über diesen Berichte hinaus über die pädagogischen Aspekte dieser Bergtour interessiert, der findet unter Projekte entsprechenden Bericht.

Eckhard Pietschmann

Zurück zu den Tourenberichten »

Zum Seitenanfang
 
Datum der letzten Änderung: 19.04.2009 | Ansprechpartner: Eckhard Pietschmann

Impressum