Die Sonne vom Piz Palü

Wanderungen im Festsaal der Alpen im Sommer 2007

 

Welcher Bergsteiger freut sich nicht über strahlend funkelnde schneebedeckte Bergriesen, so wie man sie in ganzer Größe von der Diavolezza aus bestaunen kann. Ich jedenfalls bin von diesem grandiosen Anblick fasziniert: Zur Linken grüßen die schneebedeckten Gipfel des Piz Palü, der Blick schweift weiter über die Bellavistaterasse, dann folgen der Piz Bernina mit dem einmalig ausgeprägten Biancograt und rechts daneben der rund geformte Piz Morteratsch mit seiner ausgeprägten weiß strahlenden Ostflanke!

Doch unbarmherzig verbrennt die Sonne das Gletschereis, wer weiß, wie lange noch bleibt das oben beschriebene Bild sichtbar!

Dass sich die Gletscher der Alpen verändert haben, ist mittlerweile allgemein bekannt. Und besorgt nahm ich die cassandrahaften Bilder zur Kenntnis, die mir ein FÜ-Kollege freundlicher Weise zu gemailt hatte. Die Folge war, dass einige Interessenten verängstigt ihre Anmeldung zurücknahmen. So sind wir nur noch zu dritt: Guido Pennekamp (wir kennen uns vom letzten Jahr), Margrit Grosche und ich.

Margrit und ich sind zur Akklimatisation zwei Tage früher in Pontressina eingetroffen und machen uns ein Bild von dem dramatischen Gletscherschwund des Morteratschgletschers. Als ausgedehnte Eingehtour nehmen wir den Vorschlag eines Bergfreundes auf und erleben die Blumenpracht im Naturschutzgebiet Val da Fain, östlich des Diavolezza-Parkplatzes, in Richtung Livigno. Auf dem Rückweg bewundern wir das Panorama des Piz Palü bzw. des Piz Bernina in der strahlenden Sonne. Danke für den guten Tipp!

Am Sonntag dann die Überraschung: Margrit leidet unter großen Schmerzen und Übelkeit, an eine anstrengende Wochentour ist nicht zu denken, um 09:00 Uhr sitzt sie im Zug Richtung Norddeutschland. Um 10:00 Uhr trifft wenigstens Guido gut gelaunt in St. Moritz ein. Vom Parkplatz Silvaplana aus steigen wir hoch zur Cna. Coaz, unserem ersten vorbestellten Rifugio.

Zur Eingehtour ist der Il Chapütschin vorgesehen. Der Hüttenwirt empfiehlt uns die Überschreitung: Aufstieg über den Vadre de Roseg bis zur Fuorcla Chapütschin, dann über den Grat hoch zum Gipfel und über den Normalweg zurück. Wir kommen nicht so weit.

Das Wetter hat sich verändert. Ein starker Südwind mit Böen, die uns auf dem Eis fast von den Steigeisen reißen, lässt Gratkletterei nicht zu. Wir erleben trotzdem eine interessante Wanderung mit Gletschermühlen, tiefen, zerklüfteten Spalten, üben Orientierung und Tourenplanung direkt vor Ort und genießen die freundliche Hüttenatmosphäre.

Nachts stürmt es, der Regen peitscht ans Fenster. Doch morgens meint Petrus es gut mit, nur leichte Schauer schickt er uns bei unserem Übergang zur Tschierva Hütte. Als besonderes Highlight empfinden wir die Benutzung der Seilbrücke über den tosenden Gletscherbach. Auf der Tschierva Hütte herrscht Massenbetrieb. Ein funktioneller Betonanbau hat wesentliches von dem früheren Hüttencharakter genommen. Es verändert sich viel in den Alpen!

Abends ist unser Lager proppenvoll. Mit uns übernachtet eine Schweizer Jugendgruppe. Wer nun meint, an Schlaf ist nicht zu denken, der täuscht sich, Mucksmäuschen still ist es schnell, nur eine kurze Erinnerung der Jugendleiter an die am nächsten Tag geplanten anspruchsvollen Touren lässt auch die letzten Flüsterer verstummen...

Um 05:00 Uhr ist für uns der Frühstückstermin. Ein Teil der Jugendgruppe ist schon unterwegs zum Biancograt und zum Piz Bernina, die Jugendlichen beabsichtigen über den Fortezzagrat und den Morteratschgletscher abzusteigen, um sich unten im Tal mit den anderen Gruppenmitgliedern zu treffen. Diese steigen nach uns die Leiter hinter der Tschiervahütte auf und überqueren den Tschiervagletscher in Richtung Bovalscharte. Nun geht es am kurzen Seil steil hoch zum Gipfel des Piz Morteratsch. Die Sonne hat die Firnschicht dünn werden lassen. Selten findet die Pickelspitze Halt.

Und auf dem Rückweg, bei meinem letzten Abstieg vor sieben Jahren konnten wir noch eine andere Route wählen, waren die Steigspuren schon recht weich unter den Eisen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Sonne vom Piz Palü diesen stolzen, schneebedeckten Riesen in einen Schuttberg verwandelt hat. Es verändert sich eben viel in den Alpen!

Den Abstieg über die Bovalscharte empfinden wir mit unserem schweren Rucksack nicht gerade einfach. Wir gehen kein Risiko ein und sichern uns über die eingebohrten Abseilstellen. Lang zieht sich der Abstieg durchs Geröll zur Bovalhütte hin. Wir sind froh, diese Etappe hinter uns zu haben. Die Bovalhütte hat trotz der vielen Tagesgäste ihren alten Charakter bewahrt. Wir genießen die Sonne auf der Terrasse und schauen der Jugendgruppe zu, die sich nach kurzer Rast anschickt, in das Tal abzusteigen. „Halt, hast noch etwas vergessen!“ ruft der Jugendleiter einem ca. 14 jährigen Mädchen hinterher und legt ihm schwungvoll das Seil auf den Rucksack. Ohne Murren, wie selbstverständlich, hüpft die Kleine lachend und schwer bepackt davon... Nicht alles ändert sich in den Alpen!

Am nächsten Morgen geht es, um den Gletscherbruch zu meiden, im großen Bogen über den Morteratschgletscher.

Wir steigen zur Isla Persa auf. Danach verweilen wir auf dem Eis, das vom Persgletscher übrig geblieben ist und steigen weiter über die Seitenmoräne zur Bergstation der Diavolezzabahn. Hier ist alles professionell, kommerziell organisiert. Wir bestellen das Frühstück für den nächsten Tag um 04:00 Uhr. Mit Stirnlampen setzt sich gegen 04:30 Uhr eine Karawane in Bewegung. Über Schotterwege des Skigebietes geht es zur Fuorcla Trovat und hinab auf den Gletscher. Mittlerweise beleuchtet strahlend die Morgensonne unseren Aufstieg. Zwischen gigantischen Gletscherspalten haben die Bergführer von Pontressina eine sichere Aufstiegsspur gelegt. Die Brücken über die dennoch vorhandenen Spalten überwinden wir aufmerksam gesichert mit unserem Seil.

 Kaum Wind am Ostgrat, strahlende Sonne und fantastische Ausblicke machen den Aufstieg zum reinen Vergnügen.

Oben angekommen halten wir uns nicht lange auf. Die Erfahrungen am Piz Morteratsch drängen uns zur Eile. Eine Überquerung kommt für uns nicht in Betrag, also auf gleichem Weg zurück, bevor die vielen anderen, die mit uns aufgestiegen sind, uns die durch die Sonne aufgeweichte Spur erschweren. Auf der Diavolezza angekommen, genießen wir rückblickend die Umschau in den Festsaal der Alpen.

Viele Gäste sind mit der Abendbahn hochgekommen. Sie genießen die „Erlebnis“ - Gastronomie. Eine Großleinwand ist vor dem zur Kulisse degradierten Piz Palü aufgebaut, Sitzreihen werden für ein „Open-Air-Kino“ aufgestellt. Und dann, als die Sonne untergegangen ist, beginnt die Show. Die Gastronomie stellt sich auf die Zukunft ein: Wenn die Sonne vom Piz Palü das Eis verbrannt hat, wird den meist übergewichtigen Zuschauern bei Salzgebäck und kühlen Getränken auf der Großleinwand „Die Hölle vom Piz Palü“ ein angenehmes Gruselgefühl am Rücken erzeugen!

Es verändert sich eben viel in den Alpen!!!
 

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Datum der letzten Änderung: 19.04.2009 | Ansprechpartner: Eckhard Pietschmann

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